Da steht sie vor dir. Eine schwere, undurchsichtige Weinflasche. Du öffnest sie und schenkst dir den Wein langsam ein. Der dunkle Rebensaft fließt ins Glas und nimmt den Raum ein, den du ihm nach so langer Zeit schenkst. Du hast dich schon so darauf gefreut: ein kräftiger Rotwein im Barrique ausgebaut. Jetzt nimmst du einen Schluck… oh… das hast du dir anders vorgestellt. Irgendwie schmeckt er rot, aber vor allem auch sauer und rau. WARTE!!!! Nicht enttäuscht wegschütten! Der Wein braucht noch eine Weile um sich zu recken und zu strecken. Währenddessen erzähle ich dir, was einen kräftigen Rotwein, der im Barrique, dass heißt im kleinen Eichenholzfass, gereift ist so ausmacht.

Rotwein-im-Barrique

 


Sisters-in-wine-JanuarDie „Sisters in wine“ sind Hanneke und Elske Schönhals. Sie lieben Wein und arbeiten damit – genau so individuell, wie sie selbst sind. Hanneke ist die Frau der Tat und kreiert lebendige Weine in ihrem Bioweingut in Rheinhessen. Elske ist die Entdeckerin und und nimmt Menschen auf ihrem Blog Genau mein Wein! mit auf die Reise zu ihrem persönlichen Weingeschmack. Jeden Monat veröffentlichen sie unabhängig voneinander einen Blogartikel zu einem gemeinsamen Thema.


Das langsame Raum einnehmen habe ich schon in meinem Artikel zum Entfalten beschrieben. Ein Wein – und vor allem Rotwein – ist lange Zeit wie eingesperrt. Dann ist er nicht sofort voll präsent. Etwa so, wie wenn du den ganzen Tag im Auto unterwegs warst. Bei der Ankunft brauchst du auch einen Moment zum durchatmen.

Aber nun zum Rotwein im Barrique!

Dazu möchte ich kurz auf die Rotweinherstellung eingehen. So in etwa wird ein kräftiger Rotwein hergestellt.

Die Herstellung von kräftigen Rotweinen

Ein kräftiger Rotwein ist ein Rotwein mit reifen Tanninen, einer dunkelroten Farbe und einem intensiven Geschmack. Das Potential dafür liegt in der Rebsorte, aber auch im Anbau.

Für einen kräftigen Rotwein wird der Ertrag einer Rebe reduziert. Dafür werden bis zu einem Drittel der (noch unreifen) Trauben abgeschnitten. Die Reben muss dann ihre Energie auf wesentlich weniger Früchte verteilen und die Inhaltsstoffe konzentrieren sich auf die verbleibenden Trauben. Das ist das sogenannte Menge-Güte-Verhältnis im Weinberg: je geringer der Ertrag, desto höher die Traubenqualität.

Den Zeitpunkt der Traubenlese bestimmt der Winzer. Das Lesegut muss vollreif sein und möglichst gesund. Gesunde Trauben sind wichtige, da Schimmelpilze die Farbe und Tannine verstoffwechseln und der Wein dadurch an Körper verliert.

Rotwein-im-Barrique

Dann werden die Beeren von den Stielen getrennt (=entrappt), leicht gequetscht und die dadurch entstandene Maische vergoren. Bei der Maischegärung bilden die Weinhefen aus dem Zucker im Traubensaft Alkohol und Kohlensäure. Als Nebeneffekt werden die Zellen der Beerenhäute aufgeschlossen. In den Beerenhäuten sind die Farb- und Gerbstoffmoleküle enthalten, die dem Wein seine Struktur geben.

Die Länge der Maischegärung ist auch ein wichtiger Einflussfaktor dafür, wie kräftig der Rotwein wird. Im Anschluss wird die Maische gepresst und der Jungwein von den Beerenhäuten und Kernen getrennt. Der Jungwein wird im großen Edelstahltank gelagert und… tatttaaaaa… nun endlich kommt das Barriquefass ins Spiel.

Woher kommen Barriquefässer

Ein Holzfass war schon immer ein beliebter Ort um Flüssigkeiten und Lebensmittel aufzubewahren. So haben Seefahrer schon Wasser, Wein, Bier und Lebensmittel – wie beispielsweise gepökelten Fisch – in Holzfässern gelagert und transportiert.

Die Kunst der Barriquefässer, wie sie beim Ausbau von Wein eingesetzt werden, kommt ursprünglich aus Frankreich. Die Fässer sind aber inzwischen weltweit zu kaufen und werden beispielsweise aus französischer, amerikanischer oder deutscher Eiche hergestellt.

Ich finde es faszinierend, dem Weg eines Barrique von der Eiche bis zum fertigen Fass zu folgen. So habe ich das Privileg, dass mein Onkel Oberförster in der Pfalz ist und in seinem Revier Eichen für die Holzfass-Herstellung wachsen. Dadurch habe ich auch die ein oder andere Fass-Eiche schon mal zu „Lebzeiten“ kennengelernt.

So wird ein Barrique hergestellt

Ebenso spannend ist es, einem Fassküfer bei der Arbeit zuzusehen! Hier führe ich dich mal kurz und knackig in die Fassherstellung ein:

  • Die Bäume werden gefällt und das Holz wird gelagert
  • Das Holz wird gespalten und die Fassdauben (die Bretter aus denen das Fass hergestellt wird) herausgesägt
    Die Fassdauben werden in einem Ring zusammengehalten und über dem Feuer gebogen. Dabei werden sie ständig feucht gehalten und in Form gebracht. Je nach Stärke des Feuers wird zwischen „leichter, mittlerer und starker Toastung“ unterschieden.
  • Die Fass-Innenseite wird ausgehobelt – allerdings nur ein wenig, denn das getoastete Holz ist eine der wichtigen Bestandteile des Barrique.
  • Das Spundloch (Einfüllloch oben) wird gebohrt
  • Die Fassspiegel (Flächen vorne und hinten) werden eingesetzt und das Fass somit geschlossen

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Was bedeutet „im Barrique ausgebaut“?

Das Barrique ist ein kleines Holzfass und wird aus Eichenholz hergestellt. Für die Reifung der Jungwein im Barriquefass gelagert. Durch das Holz gelangt Sauerstoff in den Wein. Außerdem löst der Alkohol aus dem Wein Aromastoffe aus dem Eichenholz. Gemeinsam mit den Farbstoffen, Gerbstoffen und Tanninen bilden sich Moleküle, die den Geschmack des Weines harmonisieren.

Die Barriquefässer werden drei mal mit Wein gefüllt, der darin lagert. Danach ist der Effekt der Toastung nicht mehr vorhanden. Sie können im Anschluss noch als Lagerfässer verwendet werden, denn nach wie vor kann durch das Holz Sauerstoff in den Wein gelangen. Es ist allerdings eine aufwändige Lagerung und der Verlust durch Verdunstung ist hoch, im Vergleich zu einem großen Holzfass oder zu einem Stahltank.

Wie viel Liter passen in ein Barriquefass und was kostet ein Barriquefass?

Ein Barrique hat ein Volumen von 225 Litern. In dem französischen Weingut, auf dem gearbeitet haben, gab es auch größere Barrique – bis zu 400 Litern. In Deutschland gibt es nur die gängigere Größe von 225 Litern. Einer der Vorteile des Barriqueausbau ist der Eintrag von Sauerstoff in den Wein.

Und jetzt kommt ein kleines bisschen Physik: Je größer das Volumen des Fasses, desto geringer ist die Oberfläche im Verhältnis zum Wein. Das heißt, dass bei einem größeren Fass, prozentual weniger Sauerstoff im Wein aufgenommen werden kann. Da der Wein den Sauerstoff für die Farb- und Tanninreife zur Verfügung gestellt bekommt, verlangsamt sich dadurch der Reifeprozess. Alles klar?

Es ist natürlich auch eine wirtschaftliche Entscheidung, wie viel Barriquefässer ein Weingut kauft. Bei einem Preis von 500 € bis 1000 € für ein 225 Liter Fass muss man viel Wein verkaufen, damit sich das lohnt.

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Wird nur Rotwein im Barrique ausgebaut?

Ein Ausbau von Rotwein im Barrique ist der Klassiker – gerade für die kräftigen Rotweine. Aber auch Weißweine dürfen die kleinen Holzfass von innen sehen. Ein Wein braucht ein gewisses Rückgrat um die Holzaromen tragen zu können. Das sind oftmals Weine in Spätlese-Qualität und höher.

Weißweine, die dem Gaumenschmeichelnden Typ schmecken, werden auch häufig im Barrique ausgebaut. Zum Beispiel Weine der Burgunderfamilie, wie Weißburgunder, Grauburgunder oder Chardonnay. Auch Weißweine, die dem Abenteuerlichen Typ schmecken dürfen im Barrique gereift sein.

So schmeckt ein kräftiger Rotwein aus dem Barriquefass

Der Geschmack eines Weins ist ein komplexes Zusammenspiel von vielen Komponenten. Rebsorte, Anbau im Weinberg, Traubenlesezeitpunkt und Traubenverarbeitung und Weinausbau. Beim Ausbau im Barrique spielt dann eine Rolle, ob der Jungwein in einem Fass mit Erstbelegung, Zweitbelegung oder Drittbelegung reift. Wein, der in einem Barrique in Erstbelegung ausgebaut wird, hat einen wesentlich stärkeren „Holzgeschmack“ als einer in Drittbelegung.

Des weiteren hat die Toastung des Fasses in der Herstellung, also „leicht“, „medium“ oder „stark“, einen Einfluss. Ein stark getoastetes Fass in Erstbelegung resultiert in dominantem Holzaroma. Die hohe Kunst ist es hier, die Balance zu finden. Denn es ist für uns Weingenießer keine Freude, einen Wein zu trinken und gleichzeitig das Gefühl zu haben von einem Holzbrett erschlagen zu werden.

Nicht zu vergessen: Jeder hat seinen ganz persönlichen Weingeschmack, mit eigenen Erfahrungen und Assoziationen.

Im Prinzip kann ich also keine generelle Aussage über den Geschmack von einem kräftigen Rotwein im Barrique machen.

Was aber immer wieder auftaucht in den Wein-Geschmacksbeschreibungen sind reife rote Früchte, Vanillearomen und Röstaromen von Kaffee bis hin zu Schokolade.

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Fazit zum kräftigen Rotwein im Barrique

Kräftige Rotweine brauchen Vorarbeit im Weinberg. Die Rebsorte und Lesezeitpunkt haben einen ebenso wichtigen Einfluss wie die Traubenverarbeitung und der Weinausbau. Durch den Ausbau im Barrique, dem kleinen Eichenholzfass, reift der Wein und zusätzlich werden Aromen aus dem getoasteten Holz herausgelöst. Grundsätzlich braucht ein Wein genügend Struktur, damit die Aromen des Eichenholzes mit dem Wein harmonieren. Rotwein der im Barrique gereift ist hat oftmals Aromen, die an Vanille oder Röstaromen erinnert.

Und nun greife noch mal zu deinem kräftigen Rotwein und nimm einen Schluck. Du wirst schmecken, wie gut ihm diese Zeit des Recken und Strecken getan hat.

 

Dies ist der Link zu Hannekes „Sisters in wine“ Januar-Artikel: Was kräftige Rotweine für mich sind

 

Was sind deine Erfahrungen mit kräftigem Rotwein und Rotweinen, die im Barrique gereift sind?
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